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Dienstag, 09 Januar 2018 12:00

Rede von Oberbürgermeister Richard Arnold zum Neujahrsempfang

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Richard Arnold Richard Arnold Bild: Schwäbisch Gmünd
Liebe Gmünderinnen, liebe Gmünder, liebe Freunde unserer Stadt,

ich darf mich an dieser Stelle den Worten unserer Vorsitzenden des Stadtverbands, Ramona Kunz, anschließen und Sie alle hier zu unserem inzwischen schon traditionellen Empfang zum Jahresbeginn im Stadtgarten begrüßen. 
Liebe Ramona: Welche Stadt kann schon eine solche nicht nur zauberhafte und charmante, sondern ebenso kluge und mitreißende Botschafterin der Musik und des Gesangs ihr Eigen nennen? Herzlichen Dank Dir und Deinem ganzen Team für euer tolles Engagement!
Liebe Gäste unseres Neujahrsempfangs,
seit meinem Amtsantritt vor neun Jahren hat sich in Gmünd einiges geändert. Ich meine hier heute nicht den großen Stadtumbau, das Stadtjubiläum, die Landesgartenschau, die Millioneninvestitionen in den Wohn-, Schul-, Betreuungs- und Wirtschaftsstandort Schwäbisch Gmünd. Beispielsweise auch mit unserer neuen Wohnungsoffensive, über die Sie sich nachher draußen im Foyer noch informieren können und die bereits auf reges Echo stößt. Diese Entwicklungen der vergangenen Jahre konnten Sie als aufmerksamer Zeitungs- und Internetleser selbst ausführlich mitverfolgen. 
Nein, es geht mir heute hier um etwas anderes: Darum, wie wir miteinander umgehen. Und darum, wie dieser Umgang und dieses Selbstverständnis heute unsere Stadtgesellschaft prägen. Es geht um Offenheit, um Anstand, um Freiheit und die Verantwortung, die damit einhergeht.
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
In den vergangenen Jahren sind viele Menschen aus aller Welt nach Schwäbisch Gmünd gekommen. Aus Kriegs- und Hungergebieten. Aus persönlicher Not, mit dem Wunsch nach einem besseren Leben in Europa – und aus vielen anderen Gründen mehr. Die Herausforderungen, die damit verbunden sind, bereiten vielen Menschen Sorge - manchen auch Angst. Sie wissen, dass ich mich - gemeinsam mit vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern – diesen Herausforderungen von Beginn an offen gestellt habe. 
Lassen Sie es mich hier ganz deutlich sagen: Ja, ich kann viele Sorgen verstehen – gerade auch, wenn in der Öffentlichkeit schreckliche Gewalttaten diskutiert werden. Wir dürfen die Augen vor den Schwierigkeiten, die die Integration mit sich bringen nicht verschließen. Aber ich sage es auch in aller Offenheit: Wir dürfen genauso wenig unsere Herzen und unseren Verstand bei diesem Thema aus Angst und Vorurteilen verschließen.
Ich werde den Gmünder Weg entschlossen und offen weitergehen. 
Einen Gmünder Weg, der ALLEN Menschen, die in unserer Stadt eine Heimat finden möchten, die Hand reicht. Der aber auch genauso entschlossen klarstellt, dass es dafür Regeln der Teilnahme und der Gemeinschaft gibt, an die man sich halten muss. Ich weiß, dies ist im Alltag nicht immer einfach. Aber es gibt aus meiner Sicht dazu keine Alternative. 
Übrigens meine ich hierbei nicht nur Flüchtlinge und Asylbewerber, sondern alle Menschen, die aus vielerlei Gründen bisher noch nicht an unserer Stadtgesellschaft teilhaben können oder wollen.
Diesen Weg zwischen Offenheit und Verantwortung können wir zumindest hier in unserer Stadt leisten. Aber: Ohne ein vernünftiges, effektives Einwanderungsrecht bleiben diese kommunalen Bemühungen stets nur Stückwerk. Ich fordere hier als Oberbürgermeister in aller Deutlichkeit alle Parteien auf: Wir brauchen dringend ein neues Einwanderungsrecht. Koalitionspoker hin oder her!
Liebe Gmünderinnen, liebe Gmünder,
noch etwas bereitet mir Sorgen: Immer mehr Menschen scheinen die Freiheit unseres Landes und unserer Gesellschaftsordnung als eine Freiheit der „Entgrenzung“, eine Freiheit der Gier zu verstehen. Man versucht, so viel für sich selbst herauszuschlagen, wie es geht. 
Unser hohes Gut der Freiheit ist aus meiner Sicht allerdings die Chance, in Freiheit seine Grenzen selbst zu ziehen – es ist eine Freiheit der Begrenzung statt eine Freiheit der Entgrenzung. Der wirklich „freie“ Bürger nimmt seine Verantwortung für die Gemeinschaft selbstbestimmt war – nicht erst, wenn das Gesetz einen dazu zwingt. 
Aus meiner Sicht ist Freiheit nicht Freiheit VON etwas, sondern Freiheit FÜR etwas. 



Übrigens: Diese soziale Verantwortung haben früher auch noch große Wirtschaftsunternehmen mitgetragen; ich habe den Eindruck, dass sich heute lediglich noch unsere Handwerksbetriebe und Mittelständler dieser Aufgabe ernsthaft stellen. 
Damit einher geht auch der rapide Verlust von Anstand und Respekt im Umgang miteinander. Wer nur noch sich und sein Ego im Zentrum der Welt sieht, der steht dem anderen stets mit Misstrauen, Missgunst, Neid und schlimmstenfalls sogar Hass gegenüber. Vor allem, wenn er im unpersönlichen Dunkel der sozialen Medien, in facebook, twitter und den Kommentarspalten der Internetforen sich ungeniert aller Umgangsformen entledigen darf. 
Kein Wunder, dass dort hanebüchene Verschwörungstheorien und vorsätzlich konstruierte Falschmeldungen auf fruchtbaren Boden fallen. Umso wichtiger ist es, dass wir vor Ort versuchen, eine offene und ehrliche, von Anstand und Fairness geprägte Diskussionskultur hochhalten. 
Liebe Gäste unseres Neujahrsempfangs,
lassen wir dabei aber doch die Kirche im Dorf! Nicht jedes Wohnhaus, das in meiner Nachbarschaft gebaut wird, bedeutet das Ende des Kleinklimas und der Artenvielfalt in der Stadt. Und nicht jedes Pflegeheim, das Seniorinnen und Senioren am Waldrand einen ruhigen Lebensabend bieten möchte, ist gleich das Ende unserer heimischen Wälder. 
Sicher: Wir müssen über all diese Dinge reden, diskutieren, auch immer wieder darum sachlich ringen.
Aber wer bei jeder kommunalpolitischen Entscheidung gleich das Ende der Welt ausruft, wer hier düster von „Mafia“ und Verschwörung spricht, der muss sich nicht wundern, wenn in einem solchen Klima des Misstrauens und der Angst die Populisten, die schlicht gestrickten Vereinfacher und Volksverführer ihre Ernte einfahren. 
Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
Sie mögen jetzt denken: „das ist ja recht nett und gut, was der Kerle da oben nun so alles gschwätzt hat.“ Aber vom Schwätzen allein ändert sich die Welt halt nicht. Da haben Sie recht! Als Oberbürgermeister – ebenso wie als Stadträtin und Stadtrat – bekommt man all unsere gesellschaftlichen Probleme meist mit dem Hinweis vor die Füße gekippt: Jetzt mach mal! Wir in den Städten und Gemeinden schaukeln ja meist ganz alleine die Problemkinder der Landes- und Bundespolitik: Die Betreuung und Bildung unserer Kinder, die Infrastruktur, die Herausforderungen der Integration und Teilhabe und vieles mehr.
Wir in den Städten müssen eben „machen“, nicht nur „reden“. Ich denke, das tun wir in Schwäbisch Gmünd in diesen Jahren ganz ordentlich – mit Mut, aber auch mit Maß und Verantwortung. 
Ich will heute Abend aber trotzdem eine deutliche Forderung an die Politik und an uns alle stellen:
Lassen Sie uns eine allgemeine „Dienstpflicht“ für alle junge Menschen in Deutschland einführen!
Ein Jahr Engagement für die Gemeinschaft – zum Beispiel in sozialen Einrichtungen, in den Kommunen, bei Rettungskräften oder der Feuerwehr, bei der Landesverteidigung oder im Katastrophenschutz. 
Glauben Sie mir: Dies würde nicht nur der Allgemeinheit und unserer Gesellschaft dienen, sondern auch die jungen Menschen in ihrer Persönlichkeit fördern und bilden. Nennen Sie es Teamfähigkeit, nennen Sie es Sozialkompetenz oder nennen Sie es schlicht und altmodisch Anstand und Umgangsformen: Hier lernt man in einem spannenden, sozialen Jahr mehr, als in hundert Seminaren und Kursen. Deshalb könnte ich mir auch vorstellen, dass die Ausbildung in einem Handwerksbetrieb auf diese Dienstpflicht angerechnet wird.
Ich weiß gut, dass es gerade die Handwerkerinnen und Handwerker sind, die ihren jungen Auszubildenden nicht nur den Umgang mit Schraubenschlüssel und Wasserwaage beibringen, sondern auch, wie man sein Leben aktiv selbst in die Hand nimmt. 
Also eine „Hand-Werks-Ausbildung fürs Leben“ im besten Sinne. Es sind diese persönlichen Begegnungen in der Ausbildung, im Handwerksbetrieb, die die jungen Menschen positiv prägen und weiterbringen.
Das gilt freilich nicht nur für die Ausbildung!
Gegen „hate-speech“, die Hasstiraden und wüsten Beschimpfungen im Internet, gegen Vorurteile, gegen Angst und Verschwörungstreiberei hilft noch immer der persönliche Kontakt, die persönliche Begegnung, das Gespräch, das gemeinsame Arbeiten und Feiern am besten. 
Deshalb, liebe Gmünderinnen und Gmünder, gehe ich den Weg, den wir hier als attraktiver Standort unserer Region in den vergangenen Jahren eingeschlagen haben, auch unbeirrt weiter. So ist zum Beispiel die Remstal-Gartenschau 2019 – die wir in diesem Jahr schon fleißig vorbereiten – nicht ein unterhaltsamer, dekorativer selbstverliebter Partyspaß, sondern ein weiterer, wichtiger Baustein dieses Wegs – genauso, wie die Eisbahn auf dem oberen Marktplatz. 
Wir müssen vor allem den jungen Menschen mehr Möglichkeiten bieten, sich im „wirklichen“ Leben zu treffen und andere Menschen kennenzulernen.
Ich habe es bereits in meinem Jahresrückblick in den Tageszeitungen betont: Eine Stadt ist keine festgemauerte Burg des Bewahrens, sondern ein vitaler, sich stets wandelnder Organismus, der vom Austausch und von Offenheit lebt. In diesem Sinne wird es mit mir auch in den nächsten Jahren keinen Stillstand geben. Lassen Sie uns gemeinsam den Weg weitergehen.
So wie auch heute, bei einem wundervollen, gemeinsamen Abend der Musik, der Kultur und der Begegnung! Ich danke allen Macherinnen und Machern, allen Musikerinnen und Musikern für dieses zauberhafte Programm.
Lassen Sie mich aber auch den vielen Menschen danken, die im vergangenen Jahr unsere Stadt wieder ein Stück lebens- und liebenswerter gemacht haben. Zum Beispiel mit ihrem Einsatz am Arbeitsplatz, in den Vereinen, im Ehrenamt, mit ihrem Engagement in der Nachbarschaft, im Stadtteil, in den Rettungs- und Einsatzdiensten.
Lassen Sie mich auch den Stadträtinnen und Stadträten danken, die mit großer Verantwortung, mit kritischem Geist und konstruktivem Mut die politischen Weichen für unsere Zukunft stellen.
Lassen sie mich den vielen Mitstreitern auf unserem Weg danken, genannt seit hier vor allem auch unser rühriger Landrat Klaus Pavel – im Herzen eigentlich ja ein Gmünder, auch wenn er das nicht so richtig in der Öffentlichkeit zeigen darf. 
Und lassen sie mich auch meinem Team im Rathaus danken, den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die mit einem solchen umtriebigen Chef wohl nicht immer nur ihre Freude haben.
Ein besonderer Dank gilt dabei dem Team an der Spitze: Baubürgermeister Mihm und Dir, lieber Joachim Bläse. Sie beide wurden im vergangenen Jahr ebenfalls im Amt bestätigt – der Stadt hätte sicher nichts Besseres passieren können.
Was würden wir nur ohne Dich machen, lieber Joachim! 
Liebe Gäste unseres Neujahrsempfangs; ich wünsche Ihnen und Ihren Familien ein glückliches, ein gesegnetes und vor allem ein gesundes Jahr 2018. Ich verspreche Ihnen: Es bleibt spannend in Schwäbisch Gmünd!

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