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Samstag, 04 November 2017 06:00

Gesundheitskonferenz des Ostalbkreises gibt interessante und wichtige Einblicke ins Thema

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Zu sehen sind die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion. Zu sehen sind die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion. Bild: Landratsamt Ostalbkreis

Was ist, wenn der Gebrauch von WhatsApp, Facebook und Co. so intensiv wird, dass es einer Sucht gleichkommt? Diese Frage interessierte am vergangenen Mittwoch (18. Oktober 2017) im Großen Sitzungssaal des Landratsamts in Aalen nicht nur viele Eltern und Personen, die im Bereich Gesundheitsversorgung im Ostalbkreis aktiv sind. Unter den gut 100 Teilnehmenden der Gesundheitskonferenz fanden sich auch Jugendliche, denn um sie und ihren Umgang mit neuen Medien ging es in erster Linie an diesem Abend.

In seiner Begrüßung betonte Landrat Klaus Pavel den wichtigen Stellenwert der Gesundheitskonferenzen im Ostalbkreis, die seit 13 Jahren aktuelle, gesundheitspolitische Inhalte aufgreifen und vertiefen. Für die diesjährige Konferenz war er sich sicher: "Wir haben uns nicht verzockt mit dem Thema." Dr. Gottfried Barth, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tübingen, erkannte bereits im Jahr 2008 den exzessiven Einstieg in die Medienwelt als Suchtthema. In seinem Beitrag berichtete er von seinen alltäglichen Erfahrungen, schilderte Abläufe vom Missbrauch zur Sucht und nahm die Eltern in die Pflicht. "Da kriege ich Wut im Bauch" war seine deutliche Position zu Kindern, die schon im Kinderwagen mit einem Smartphone hantieren. Es war ihm wichtig festzustellen: "Unsere Jugend ist großartig, aber es gibt Probleme." Dies belegte er anhand von Zahlen aus seinem Alltag in der Suchtberatung und Therapie. Aktuell nehme die Suchtproblematik in Bezug auf Alkohol ab, während die Mediensucht zunehme. Zwischen vier und fünf Prozent der 16- bis 18-jährigen Jugendlichen sei süchtig nach Medien, wobei europaweit der Anteil der Mädchen mit sieben Prozent deutlich höher sei als der der Jungen mit drei Prozent. Ein großes Rätsel sei, warum jedoch deutlich mehr Jungen als Mädchen zur Suchtberatung kommen. Fast 100 Prozent der 12- bis13-Jährigen hätten Internetzugang. An erster Stelle des Themeninteresses stehe "Freunde / Freundschaft" und somit auch eine neue Qualität von Kontakten. Barth stellte fest, dass Jugendliche sich zum Teil bis zum Identitätsverlust den Medien ausliefern, "es ist ein Problem, dass alles frei zugänglich ist". Eine Intervention sei nötig, wenn die Entwicklung gefährdet und, im Extremfall, keine andere Aktivität mehr möglich ist. Barth weiß aus seiner professionellen Erfahrung: "Die Problematik kann dazu führen, dass Familien kaputt gehen." Kontrolle der Internetnutzung durch die Eltern sei wichtig, allerdings würden die Flatrates auf den Smartphones dies in der Zwischenzeit fast unmöglich machen. Umso wichtiger sei es, dass Eltern ihren Kindern nicht die Orientierung entziehen, Vorbild sind und Interesse an ihren Kindern zeigen. "Es gibt eine Welt von Werten außerhalb der Medienwelt", so Barth. Auch gewisse Regeln seien nötig. Bei den Hausaufgaben und beim Essen habe das Smartphone nichts zu suchen. Barth wurde deutlich: "Da muss man auch die Eltern mit ins Boot holen." Wichtig war ihm, auf die Vorteile der neuen Medienwelt hinzuweisen. Musik und Filme aktiv im Netz auszuwählen, sei besser als Radio- oder Fernsehberieselung, auch seien Jugendliche bereit, sich bei Spielen im Netz anzustrengen. In Bezug auf Mobbing relativierte er: "Es ist kein neues Problem, hat aber eine neue Qualität." Schließlich beruhigte Dr. Gottfried Barth noch alle Eltern: "Die überwiegende Zahl der Kinder und Jugendlichen ist nicht so süchtig, wie wir denken." Und er projizierte doch einen letzten Satz: "Den verschwommenen Rand um das Smartphone nennt man übrigens Leben."

Zur anschließenden Podiumsdiskussion wurde die Runde der Fachleute ergänzt durch Dr. Maike Preiß, Chefärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der St. Anna-Virngrund-Klinik Ellwangen, Mario Schmid, den stellvertretenden Leiter des Kreismedienzentrums beim Landratsamt Ostalbkreis, Dipl.-Psychologe Markus Hirsch von den Canisius-Beratungsstellen / Erziehungsberatung und Frühförderung, und Dipl. Pädagoge Alexander Weller, Lehrer und Medienpädagogischer Referent des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg. Unter der Moderation von Landrat Klaus Pavel wurde schnell deutlich, dass in Bezug auf die Mediensucht der Ostalbkreis kein geschützter ländlichen Raum ist. Markus Hirsch fügte an, den Medienkonsum bei den Canisius-Beratungstellen zukünftig bereits in der vorschulischen Suchtberatung aktiv nachzufragen. Dr. Maike Preiß betonte, dass kreisweit die Hilfsangebote fachlich sehr gut sind. 

Eine Publikumsfrage kritisierte die Tatsache, dass Schulen und Vereine viel über Smartphones agieren und fand in Dr. Barth einen Unterstützer. Er lehnte es ab, dass Schulen Aufgaben über Netzwerke stellen. Infos in geschützten Bereichen seien ab der weiterführenden Schule tolerierbar. Mario Schmid ergänzte, dass es den Schulen rechtlich untersagt ist, über soziale Netzwerke zu agieren. Kritisch wurde in einer weiteren Publikumsfrage die Notwendigkeit von iPads in der Schule gesehen. Auch wenn, laut Schmid, die Schule keine Tablets vorschreiben darf, kritisierte Alexander Weller, dass die Welt zum Geschäftsmodell wird. Datenschutz sei dabei langsam völlig egal. Feste Richtlinien für Eltern bezüglich einer zeitlichen Reglementierung im Umgang mit den neuen Medien hielt allerdings keiner der Fachleute für sinnvoll. Eine weitere Frage aus dem Publikum galt der Verwendung von Smartphones bei der Suchttherapie. Barth betont, dass dies nun einmal das Medium sei, über welches man die Jugendlichen erreicht. Josef Mischko, IG-Metall / Aalen, stellte ein Fallbeispiel eines Auszubildenden in die Runde. In der Diskussion verdeutlichte sich, dass exzessive Handynutzung am Arbeitsplatz als behandlungsbedürftige Sucht anzusehen ist und der Ausbildungsvertrag in diesem Fall vorerst nicht kündbar sei. Abschließend waren sich aber alle Teilnehmer der Podiumsdiskussion darüber einig, dass man im Ostalbkreis zum Thema "Mediensucht" alle maßgeblichen Stellen noch stärker zusammenbringen muss. 

Als Ergebnis der Gesundheitskonferenz lässt sich festhalten: Es wird Gespräche am Runden Tisch mit den Medienexperten im Ostalbkreis geben, um den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort die vorhandenen Anlaufstellen sowie Bewertungs- und Handlungsoptionen an die Hand zu geben.

Der Beitrag von Dr. Gottfried Barth wird im Internet unter www.gesundheitsnetz-ostalbkreis.de zum Download eingestellt.

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