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Dienstag, 02 Januar 2018 18:00

Ein Rückblick auf die Entwicklung der Landwirtschaft im Ostalbkreis

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Anlässlich des Kalten Marktes in Ellwangen blickt der Leiter des Geschäftsbereichs Landwirtschaft beim Landratsamt Ostalbkreis, Helmut Hessenauer, auf das abgelaufene Landwirtschaftsjahr zurück und hat die wichtigsten Neuerungen und Entwicklungen zu-sammengefasst. Sein Fazit: Für die Landwirte auf der Ostalb war 2017 ein gutes Jahr.

Ganz im Gegensatz zu 2016 war der Witterungsverlauf nicht durch Extremereignisse geprägt - mit einer Ausnahme: Mitte April kam es zu starken Spätfrösten, die im Obstanbau erhebliche Schäden anrichteten. Der wirtschaftliche Schaden hier im Ostalbkreis war begrenzt, denn hier überwiegt der Streuobstanbau. Anders in den Gebieten mit Erwerbsobstbau: Dort fiel in vielen Fällen die komplette Ernte aus.

Für die Kulturarten auf der Ostalb war das Wetter günstig. Zwar war es im Frühjahr sehr trocken. Die Niederschläge kamen aber zunächst zur rechten Zeit. Lediglich kurz vor der Ernte litten dann die Bestände auf schlechten Standorten unter der Trockenheit. Als dann das Getreide reif war, regnete es. Es kam zwar zu Qualitätseinbußen, doch insgesamt konnten die Landwirte auf der Ostalb eine leicht überdurchschnittliche Getreideernte einfahren. Sehr gute Erträge gab es bei der Grünfutterernte und beim Silomais. Die Futterbaubetriebe konnten daher mit hohen Grundfuttervorräten in den Winter gehen. 

Auch bei den Preisen gab es Entspannung. Die Milchpreise waren von 2014 bis Mitte 2016 sehr niedrig. Ab Mitte 2016 stiegen die Milchpreise dann deutlich an. Dieser Anstieg hat sich 2017 fortgesetzt, da die erzeugte Milch knapp war. Insbesondere das Butterfett war gefragt und Mitte des Jahres war die Rede von Versorgungsengpässen zur Weihnachtszeit. Dies hat sich nicht bewahrheitet. Vielmehr sind seit dem Herbst die Preise für Butterfett rückläufig. Die Trendwende an den Milchmärkten waren auch für den Verbraucher wahrnehmbar. Sie spürten die Aufschläge bei Butter am deutlichsten. So kostet die 250 Gramm-Butterpackung selbst beim Discounter zeitweise fast zwei Euro. Mittlerweile sind die Preise im Lebensmitteleinzelhandel wieder rückläufig. Bei anderen Milchprodukten stiegen die Verbraucherpreise deutlich moderater. Dies ist auch ein Grund dafür, dass die Erzeugerpreise weit weniger stiegen als die Verbraucherpreise. 

Die Milchbauern brauchen die höheren Preise. Das lange Preistal hat auf den Betrieben die Liquidität belastet. Die entstandenen Lücken müssen nunmehr geschlossen werden. Es gilt auch, Vorsorge für neuerliche Preisrückgänge zu treffen. Denn viele Milchviehhalter haben reagiert und die erzeugte Milchmenge liegt bereits jetzt wieder deutlich über dem Vorjahresniveau. Zwar ist die weltweite Nachfrage immer noch hoch. Eine Trendumkehr ist aber nicht ausgeschlossen. Auch die hiesigen Milchpreise werden heute weitgehend vom Weltmarkt bestimmt. Große Preisschwankungen sind dort die Regel.

Neben der Milchviehhaltung spielt im Ostalbkreis die Schweinehaltung eine wichtige Rolle. Auch dort waren die Preise bis in den Frühsommer 2016 niedrig. Die Trendwende setzte dort früher ein, war aber dafür weniger nachhaltig. Etwa seit Jahresmitte 2017 sind die Preise wieder rückläufig. In der Schweinehaltung ist nach wie vor eine große Verunsicherung zu spüren. Für das vorgesehene betäubungslose Kastrationsverbot ab 2019 gibt es immer noch kein praxisreifes Verfahren, das das gängige Kastrieren ersetzen könnte, und aufgrund eines Gerichtsurteiles sind neue Anforderungen an die Haltung der Sauen zu erwarten. Letztere sind voraussichtlich abermals mit größeren Investitionen verbunden. Bis wann die Ställe umgerüstet sein müssen, ist derzeit nicht absehbar. Es ist daher leider zu erwarten, dass die Zahl der Schweinehalter auf der Ostalb noch weiter zurückgeht. Derzeit gibt im Ostalbkreis weniger als 100 Betriebe, die noch Zuchtsauen halten. Vor zehn Jahren waren es noch weit über 200 Betriebe. Mit dem Rückgang der Sauenhaltung ist auch ein Verlust an Wertschöpfung verbunden.

Am Beispiel der Schweinehaltung zeigt sich ein Dilemma, das Landwirten zu schaffen macht. Nicht nur der Gesetzgeber stellt höhere Anforderungen an die Tierhaltung. Auch der Lebensmitteleinzelhandel fordert hohe, über das gesetzliche Maß hinausgehende Tierwohl-standards, weil er sich dadurch Vermarktungsvorteile verspricht. Allerdings müssen die Verbraucher dann auch bereit sein, Mehraufwendungen der Landwirte zu honorieren. Tierwohl muss sich in höheren Preisen niederschlagen. Wenn der Aufwand nicht bezahlt wird, geht es zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit und beschleunigt nur den Strukturwandel. Die Erzeugung wandert dann dorthin, wo die Anforderungen nicht so hoch sind. Dem Tierwohl ist damit nicht gedient.

Auch in der Pflanzenproduktion kam es 2017 zu schärferen Regulierungen. Nach langem Hin und Her einigten sich der Bund und die Länder auf ein neues Düngepaket. So trat ab 1. Juli 2017 die neue Düngeverordnung in Kraft. Sie enthält eine Reihe neuer Vorgaben zur Ausbringtechnik und schränkt die Düngung insbesondere nach der Ernte von Ackerfrüchten ein. Unter anderem wurde das Ausbringverbot für flüssige Wirtschaftsdünger in der vegetationsfreien Zeit ausgedehnt. Neu sind auch zusätzliche Dokumentationspflichten. So müssen zu allen Kulturen Düngebedarfsrechnungen erstellt werden. Die schon bisher geforderte Nährstoffbilanzierung wurde präzisiert. Gerade über die Art und Weise, wie die im Wirtschaftsdünger anfallenden und durch die Pflanzen verwertbaren Nährstoffe gegenübergestellt werden, waren die an der Gesetzgebung Beteiligten sich lange Zeit nicht einig. Im Ergebnis müssen zunächst die viehstarken und zukünftig alle größeren Betriebe ihre Nährstoffe gleich zweimal bilanzieren. Von der Praxis sind solche Anforderungen nicht nachvollziehbar und zu Recht wird dies als ein Übermaß an Bürokratie empfunden. Die Anforderungen an die bessere Ausbringtechnik und die notwendig gewordenen höheren Lagerkapazitäten erfordern erhebliche Investitionen und erhöhen die Kosten. Es ist zu befürchten, dass dies den Strukturwandel beschleunigt. Andererseits trägt die zukünftig geforderte bodennahe Ausbringung ganz erheblich dazu bei, dass die Ammoniakemissionen deutlich reduziert werden. Letzteres war eine wichtige Forderung der EU-Kommission.

Die hohen Bürokratielasten werden in der Landwirtschaft oft der EU und ihren Gremien an-gelastet. Ob dies in allen Fällen so ist, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass die gemeinsame Agrarpolitik von der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft an ein zentrales Politikfeld war. Fast untergegangen ist im abgelaufenen Jahr, dass sich die Gründung der EWG zum sechzigsten Mal jährte. So richtig zum Feiern war aber niemanden zu Mute. Zu sehr standen die aktuellen Herausforderungen wie der Brexit, das immer noch ungelöste Schuldenproblem einiger Länder und das Aufkommen europafeindlicher Strömungen in einigen Mitgliedstaaten im Vordergrund. 

Dabei hat die Landwirtschaft wie auch alle anderen Wirtschaftsbereiche ungemein vom Gemeinsamen Markt und der gemeinsamen Agrarpolitik profitiert. Schon in den römischen Verträgen sind die Ziele für die Landwirtschaft festgeschrieben. Es ging seinerzeit vorrangig um Produktivitätssteigerungen in der Landwirtschaft, um die Sicherstellung der Versorgung, aber auch um die Stabilisierung der Märkte, angemessene Verbraucherpreise und nicht zuletzt auch um das Einkommen der Landwirte. Viele von diesen Zielen sind mittlerweile erreicht. Die Produktivität in der Landwirtschaft ist wahrscheinlich in den vergangenen Jahrzehnten so stark gestiegen wie nur in wenigen Wirtschaftszweigen und die Versorgung mit Nahrungsmitteln ist zumindest hier in Europa sichergestellt. Andere Ziele sind nach wie vor aktuell, wenn auch mit anderen Schwerpunkten und vor einem anderen Hintergrund. Neue Handlungsfelder sind hinzugekommen. So kümmert sich die EU heute auch um die Standards im Tier- und Umweltschutz; sie legt großen Wert auf den Klimaschutz und die Entwicklung des ländlichen Raumes. Doch die Stabilisierung der Einkommen der Landwirte ist nach wie vor ein wichtiges Ziel. Sie ist in den Verträgen festgeschrieben und steht daher nicht zur Disposition.

Weil die festgeschriebenen und neu hinzugekommenen Ziele in unterschiedlichem Maße erreicht wurden, musste die EU ihre Förderinstrumente immer wieder neu ausrichten. Das mag den Eindruck erwecken, dass die EU-Agrarpolitik nicht sehr konstant war. Man sollte sich aber vergegenwärtigen, mit welchen Herausforderungen die EU mit derzeit 28 Mitgliedstaaten zu kämpfen hatte und hat. Gerade die Agrarstrukturen in den Mitgliedstaaten sind äußerst unterschiedlich. Dass einigermaßen einheitliche Förderinstrumente nicht überall den gleichen Erfolg zeitigen und manchmal auch zu unerwünschten Nebenwirkungen führen, liegt in der Natur der Sache. 

Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie es gekommen wäre, wenn Agrarpolitik Sache der Nationalstaaten geblieben wäre. Vielleicht hat die Landwirtschaft hierzulande davon profitiert, dass Landwirtschaft in anderen EU-Ländern noch einen höheren Stellenwert als bei uns hier in Deutschland hat. Allein in den Ostalbkreis fließen Jahr für Jahr mehr als 18 Mio. € in Form von Direktzahlungen. Dazu kommen rund 5 Mio. € über weitere Förderprogramme, die von der EU mitfinanziert werden. Diese Mittel sind nicht nur für die Existenzsicherung unserer Landwirte von Bedeutung. Sie gewährleisten auch, dass unsere Kulturlandschaft erhalten bleibt und sie verbleiben als Wertschöpfung in der Region.

Derzeit gibt es erste Überlegungen, wie es mit der EU-Agrarpolitik weitergehen soll. Die derzeitige Förderperiode läuft bis 2020. Eine eindeutige Richtung ist jedoch noch nicht zu erkennen. Klar ist, dass die Fördermittel anders verteilt werden sollen. Die Tierhaltung soll bei den EU-Direktzahlungen wieder eine größere Rolle spielen. Derzeit ist allein die bewirtschaftete Fläche für die Höhe der Direktzahlungen entscheidend. Flächenstarke Betriebe erhalten daher vergleichsweise viel Direktzahlungen. Dagegen profitieren kleinere Betriebe, die ihr Einkommen weniger aus der Flächenbewirtschaftung und eher aus der Tierhaltung erwirtschaften, weniger. Einige Mitgliedstaaten wollen, dass die Erzeuger besser gegen Witterungs- aber auch gegen Preisrisiken abgesichert werden. Einig ist man sich derzeit darüber, dass die zukünftige Agrarförderung weniger bürokratisch ablaufen soll. Es gibt auch den Vorschlag, dass die EU nur die Ziele vorgibt und die Mitgliedstaaten darin "frei" sind, wie diese Ziele erreicht werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Bürokratieabbau bei den geforderten Änderungen, die nicht alle in die gleiche Richtung gehen, auch gelingt. 

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