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Freitag, 21 Oktober 2016 11:54

Portrait: Jacques, Napoleon und die Requisiten!

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Jacques Janke Jacques Janke Bild: Privat

Als im Oktober 1805 die Glocken am alten Aalener Rathaus verspielt schlugen war es der französische Feldherr Napoleon, der neugierig durch ein Fenster nach dem Rechten sehen wollte. Seither gibt es im Alten Rathaus auf dem Aalener Marktplatz das Napoleon-Fenster. Während unten im Podium zahlreiche Gäste den Abend genießen, wird im historischen „Napoleon-Stockwerk“ Jacques aktiv. Nein, Jacques ist kein Nachfahre des damaligen Kriegsherrn. Er ist nicht mal Franzose. Doch wer in Aalen aufmerksam lebt, der wird ihn schon oft gesehen haben. Er ist ein Künstler – vielleicht ein Lebenskünstler. In jedem Fall aber ein echtes Unikat mit einer sehr interessanten Geschichte. Deshalb verwundert es auch nicht, dass er heute viel Zeit in genau jenem Stockwerk verbringt, in dem Napoleon scheinbar gastierte.

Jacques arbeitet aktuell beim Theater der Stadt Aalen. Dort kümmert er sich um das Ticketing. Wer ihn kennt, würde ihn lieber auf der Bühne sehen, satt an der Kasse. Doch er liebt diesen Job. Er ist sich damit irgendwie treu geblieben. Denn die Künstlerszene ist das, womit er sich am meisten identifizieren kann. War er doch selbst schon als Schauspieler aktiv – so zum Beispiel im Berliner Schiller-Theater. Und selbst wenn er heute nur abseits der Bühne tätig ist, so lebt er doch in seiner Welt. Die Spielräume im Alten Rathaus haben ein spezielles Flair. Sie sind edel, irgendwie anmutig und gemütlich. Sie erzählen aber vor allem eine Geschichte. Und das macht den Arbeitsplatz des Junggebliebenen so passend. Denn auch er hat eine Geschichte. Eine von der Kunst, vom Scheitern und vom ´wieder Aufstehen´.

20161014MeineOstalbJacques Kasse

Sein Markenzeichen war ein klassischer Hut – daran konnte man ihn erkennen. Jetzt aber hat er sich irgendwie verändert und schwenkte auf einen stets schönen Schal um. Typisch Künstler könnte man sagen. Und ja, vielleicht pflegt er damit auch sein Image. Als wir diesen Artikel schrieben mussten wir überlegen, ob wir ihn jemals ohne dieses Kleidungsstück gesehen haben?! Man trifft ihn meist in einem der Innenstadtcafés in Aalen. Und wenn er Zeit hat, dann setzt er sich zu Dir. Schon das normale Gespräch erscheint wie eine künstlerische Darbietung. Er spricht nicht einfach mit Dir – er erzählt. Dabei hält er keinen Monolog, er drängt sich nicht auf. Vielmehr versteht er es, Dich in seine Geschichte einzubeziehen. Manchmal darfst Du Dich zurücklehnen im Gespräch, ein anderes Mal saugt er Dich in seine Darbietung hinein. Am Ende verlässt er Dich stets mit dem Gefühl, dass das jetzt was Besonderes war. Das ist Jacques. Ein Aalener Unikat, das immer eine Geschichte wert ist. Denn wir glauben, dass es in einer Stadt viele wichtige Menschen gibt. Sei es ein Bürgermeister, ein Stadtrat oder ein wohlhabender Mäzen. Doch es gibt nur sehr wenige stille, unauffällige und dennoch interessante Persönlichkeiten. Solche die eben nicht immer – oder nicht mehr - im Rampenlicht stehen.

Jacques lud uns zur ausverkauften Premiere des neuen Theaterstückes „Die Sternstunde des Josef Bieder“ ein. Den Sinn darin konnten wir erst nach der Vorstellung verstehen. Vielleicht unbewusst spiegelte sich darin ein kleines Stückchen von Jacques´ ganz persönlicher Geschichte. Das Stück im Alten Rathaus war eine überraschend frische Geschichte über einen Theater-Requisiteur, der unvermittelt zum Hauptdarsteller seines eigenen Stückes wird. Er steht an einem vermeintlich geschlossenen Theater-Tag unerwartet vor Publikum und verrät dann den Zuschauern Interessantes rund um eine Vorführung im Theater. Er erzählt davon, wie er selbst eigentlich aus dem Hintergrund ins Rampenlicht und auf die Theaterbühne gehöre. Er erzählt von seinen vielen Talenten und davon, dass eine gute Requisite ein Theaterstück erst richtig zum Leben erweckt. Und während der Vorstellung wird uns klar, dass dort auch Jacques stehen könnte. Denn er arbeitet im Hintergrund so aktiv am Gelingen der Stücke mit, dass auch er eine der wertvollen „Requisiten“ sein könnte.

Als wir Jacques fragten, was sein größter Wunsch sei oder was er gerne zum Ausdruck bringen wolle überraschte uns die Antwort und ließ tief blicken: „Gesund zu bleiben – das ist mein Wunsch“. Als wir ihn dann nach seinem Drang fragten, wieder selbst als Schauspieler aktiv zu werden, antwortet er wenig überraschend: „Ja, das würde ich gerne machen“. Und am Ende des Gespräches wurde uns klar: Jacques muss auf die Bühne. Seine ganz eigene Bühne, nämlich die des Lebens, spielt er schon längst mit Bravour. Doch auch im Theater geht an ihm ein Schauspieler verloren. Wir würden ihn auch dort gerne sehen.  

Im Premieren-Stück gab es eine Schlüsselszene, die man auch als Lebensweisheit hätte mitnehmen können: „Eine gute Verbeugung vor dem Publikum am Ende einer Aufführung kann so manches schlechte Stück zu einem guten machen“. Denn wenn der Schauspieler sich so voller Stolz und Selbstvertrauen vor seinem Publikum verneige, dann muss das Stück ja gut gewesen sein, sagt der Requisiteur im Theaterstück ergänzend. Vielleicht hat Jacques sich dies immer zu eigen gemacht. Er verbeugt sich stets mit Stolz vor seinen Aufgaben, vor seinem Gesprächspartner, vielleicht auch vor den Herausforderungen des Lebens. Allein deshalb muss sein bisheriges Leben gut gewesen sein, trotz aller Höhen und Tiefe. Denn, wer sich so stolz und voller Selbstvertrauen vor seinem Publikum verneigt……

Hier das vollständige Interview mit Jacques:

Lieber Jacques, Du stammst ja aus Kreuzberg. Deshalb klingt Dein Vorname eher ungewöhnlich. Ist das ein Künstlername?
Jacques Janke: Ja, das ist tatsächlich ein Künstlername, der sich aber mittlerweile wie mein echter anfühlt. Früher sagte man zu mir Jack (englisch gesprochen). Weil ich damals aber viel in Frankreich war um dort Urlaub zu machen, wurde daraus irgendwann Jacques. In Wahrheit heiße ich Hans-Jürgen – das muss aber unter uns bleiben, denn Jacques gefällt mir besser >lacht<.

In Berlin warst Du bereits als Schauspieler tätig. Erzähle uns ein bisschen von dem Theater und Deinen Rollen.
Jacques Janke: Schauspieler ist vielleicht zu viel gesagt. Das klingt immer gleich nach den großen Inszenierungen. Ich war häufig als Komparse tätig - auch beim Film. So spielte ich zum Beispiel schon mit unserem heutigen Schauspieler am Theater der Stadt Aalen, Michael Kausch. Damals drehten wir eine Folge von „Liebling Kreuzberg“. Im Nachhinein klingt das sehr spannend, aber ich regte mich damals etwas auf, weil es am Set nichts zu essen gab. Meine eigentliche Heimat war aber das Schiller Theater, das heute leider nicht mehr existiert.

20161014MeineOstalbJacques Publikum

Warum hast Du dann mit der Schauspielerei aufgehört?
Jacques Janke: Die Zeit war das Hauptproblem. So ganz konnte ich davon nicht leben, also kümmerte ich mich damals viel um die Gastronomie. Ich hatte aber nie eine eigene Bar. Die Gelegenheit hätte sich mehrmals geboten, aber der Mut fehlte da vielleicht immer ein bisschen. Und durch die vielen Jobs parallel zueinander geht eben irgendwann etwas verloren. Bei mir war das leider die Schauspielerei.

Aber Du würdest gerne wieder zurück auf die Bühne? Kann man davon überhaupt leben oder ist das nur ein Hobby?
Jacques Janke: Ja das würde ich sehr gerne. In Aalen ist das eher nur ein Hobby. In Berlin allerdings kann man als Schauspieler schon eher davon leben. Als Komparse verdiente ich damals ca. 80 Mark pro Aufführung - pro Probe gab es ca. 10 Mark. Beim Film gab es dann schon eher 100 Mark, und wenn man Text hatte, dann wurde das noch wesentlich mehr. Dennoch musste ich nebenher drei Kneipenjobs machen. Es war sehr stressig aber auch schön.  

Wenn wir diese persönliche Frage stellen dürfen: Was waren die Höhen und Tiefen für Dich bisher? Du bist ja nicht von ungefähr zu einem so interessanten Menschen geworden.
Jacques Janke: Gerade die Phase mit dem vielen Stress in Berlin war toll. Die Zeit ging sehr schnell vorbei, da ich sehr viel erlebt habe. Ich traf unglaublich interessante Menschen – konnte mich privat und fachlich gut austauschen. 2003 hatte ich dann aber eine seltsame Phase meines Lebens. Man würde dazu vermutlich Burn-Out sagen. Für mich war es einfach eine Phase der Neuorientierung und Trennung von Altem. Damals kam das Job-Angebot vom Cafe Podium in Aalen. Das war für mich die Chance, hier auf der Ostalb neu durchzustarten. Zwei Jahre später dann der Kontakt zum Theater der Stadt Aalen. Das ist meine Welt und deshalb bin ich sehr glücklich, hier wieder eine berufliche Heimat gefunden zu haben.

20161014MeineOstalbRaum Napoleon Theater

Du lebst schon viele Jahre auf der Ostalb. Fehlt Dir das Berliner Leben nicht sehr?
Jacques Janke: Ohja, Berlin fehlt mir sehr. Allerdings hat sich diese Stadt auch stark verändert. Alles ist irgendwie reicher, wohlhabender geworden. Früher gab es mehr Nischen in denen viele Subkulturen lebten und sich entwickeln konnten. Mit einem sehr guten Job könnte ich mir aber eine Rückkehr nach Berlin wieder vorstellen. Dennoch fühle ich mich auf der Ostalb sehr wohl.  

Wenn im Theater der Stadt Aalen ein Stück für Dich geschrieben werden würde…. Wie lautete der Titel und worum müsste es gehen, damit es die Rolle Deines Lebens wäre?
Jacques Janke: Gerade das Stück bei dem ihr zu Gast wart, „Die Sternstunde des Josef Bieder“, trifft mein Leben recht gut. Da ist einer, der immer mehr oder weniger im Hintergrund des Theaters steht der aber selbst auch irgendwie sein künstlerisches Talent ins Rampenlicht rücken möchte. Das ist der Requisiteur des Theaterstückes. Das ist ein bisschen eben auch der Jacques.

Welches Stück am Theater der Stadt Aalen kannst Du denn besonders empfehlen?
Jacques Janke: „Samstag in Europa“ ist ein sehr aktuelles Stück mit politischer und globaler Bedeutung. Es trifft mit den Themen Flüchtlinge, Europa, Zusammenhalt, Terroristen den Zeitgeist. Denn all das sind Themen, die uns momentan mehr oder weniger stark umtreiben. Dies im Rahmen eines Theaterstückes zu bearbeiten finde ich sehr reizvoll.  Zu sehen gibt es das Stück am 29.10. und wieder am 04.11.. Sicherlich ein lohnender Theaterbesuch.

 

Vielen Dank lieber Jacques für den interessanten Besuch bei Euch und das tolle Gespräch mit Dir.   

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